Ich bin psychisch krank. Und das schlimmste daran ist, dass diese Krankheit erst in mein Leben gekommen ist, durch das schönste, was es für mich geben könnte – meine Kinder.
Sie sind keineswegs Schuld an meiner Erkrankung. Ich bin vorbelastet und das nicht gerade zu wenig.
Sie sind einfach nur der Grund für einen tiefer liegenden Heilungsprozess, den ich wahrscheinlich nie angegangen wäre, wenn meine Kinder nicht meine Wunden so offen gelegt hätten.
Meine Wochenbettdepression – wie alles begann
Ich denke, ich war schon depressiv bei meinem ersten Kind. Ich hatte eine traumatische Corona-Geburt hinter mich gebracht, bei der mir gewaltvoll Schmerzmittel verabreicht wurde, nachdem ich über zehn Stunden alleine und mit Maske und Wehensturm nach einer Einleitung auf dem Stationsflur auf und ab lief.
Ohne meinen Mann. Ohne Hebamme. Ohne irgendwen, der meine Hand halten konnte und mir sagen würde: alles wird gut.
Mir half niemand beim Veratmen & ich hatte keinen Ort, an dem ich mich hinlegen konnte. In den Kreissaal wurde ich nicht hinein gelassen, da mir niemand meine Wehen abkaufte (schließlich ging es bei einer Erstgebärenden nicht so schnell los nach einer Einleitung) und in mein Zimmer konnte ich nicht, da dort zwei weitere Frauen lagen, die ich schon ein paar Stunden wach hielt mit meinem Tönen.

Ich fühlte mich unsicher und hilflos und verlassen.
So startete mein Weg in meine Mutterschaft.
Als mir meine Tochter auf die Brust gelegt wurde, spürte ich diese tiefe Verbundenheit. Eine Liebe, wie nie zuvor. So, wie es mir versprochen wurde.
Zum Glück spürte ich sie – denn was in den nächsten Monaten kam, konnte nur mit Liebe geschafft werden.
Meine Tochter war ein High Need Baby – sie wurde so ziemlich jede Nacht jede halbe Stunde wach.
Unser High Score? 21 mal wach … zwischen 20&7 Uhr … Ich wusste ehrlich gesagt nicht mehr, ob ich zwischendurch überhaupt mal schlief. Ich fragte mich eigentlich nur, wie ich das – wirklich! – überleben sollte.
Aber ich blieb standhaft.
Und es besserte sich.
Bis ich wieder schwanger wurde.
Es war ja nicht so, als ob mein Mann und ich nicht wussten, wie das funktioniert, aber wir waren schon sehr überrascht über die zweite Schwangerschaft.
Als ich merkte, hier stimmt etwas gewaltig nicht
Diese zweite Schwangerschaft holte alles aus mir heraus, was ich an Erschöpfung kannte.
In der vierzehnten Woche kam dann der Schock: Blutungen. Starke Blutungen.
Aber hey, es hieß, es sei nur ein Hämatom. Meinem Baby ging es gut. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich gerade einen Zwilling verliere, von dem ich nichts wusste.
Ich musste Bettruhe halten – insgesamt blutete ich über mehrere Monate und hielt sechs Wochen lang (mehr oder weniger streng) strenge Bettruhe. Mit einem zweijährigen Wirbelwind war das eine ganz schöne Herausforderung. Aber wir meisterten es.
Bis zu dem Punkt, an dem mich alles einholte.
Ich hatte jeden Tag starke Schmerzen. In der 31. Woche bekam ich eine erneute Hiobs Botschaft: erhöhtes Frühgeburtlichkeitsrisiko. Verkürzter Gebärmutterhals. Offener Muttermund. Wieder Bettruhe.
Ich spürte schon in meiner Schwangerschaft, wie sich mein Gemütszustand veränderte. Wie ich mich nicht mehr menschlich fühlte – wie ich nur noch von Sorgen und Ängsten geprägt war.
Aber ich hielt es zusammen. Ich sah meinen eigentlichen Schmerz nicht.
Dann kam mein Baby – mein kleiner, süßer Goldjunge. Perfekt war er – genauso, wie die Geburt. Heilsam. Dachte ich…
Denn während ich noch im Kreissaal war und die Hebamme die Plazenta kontrollierte, wurde mir gesagt, ich sei mit Zwillingen schwanger gewesen –
Vanishing Twin Syndrom. Was? Was soll das sein?
Noch nie zuvor hatte ich etwas davon gehört.
Aber ich wollte auch zu diesem Zeitpunkt nichts davon hören. Ich war doch glücklich mit meinem Baby.
Und genau dieses Baby entwickelte sich zum Schreibaby.
Monatelang schrie es jeden Abend stundenlang.
Und ich zerbrach leiser und leiser und mehr und mehr … mein Mann war immer da. Aber wir hatten ja schließlich noch ein neurodivergentes Kleinkind zuhause, das in dieser sensiblen Zeit sehr viel von wenigstens einem Elternteil abverlangte – und bekommen sollte.
Noch nie in meinem Leben fühlte ich mich so einsam und leer.
Aber ich hielt es zusammen.
Immer weiter & weiter.
Redete mir ein, irgendwann würde ich es genießen können, dieses Mamading.
Aber dieser Moment kam nicht.
Juni.
Es war ein paar Tage vor meinem 30. Geburtstag. DREIẞIG! Wow. Wie sich dieses Jahrzehnt wohl anfühlen sollte?
Während sich andere inspiriert fühlten, lag ich im Bett. Ich starrte in die Leere. Mein Mann kümmerte sich um die Kinder. Ein Umzug lag hinter uns. Stress. Nur noch Stress.
Ich zweifelte nicht mehr daran, dass ich ausgebrannt war – aber an Depression dachte ich noch nicht.
Und so begann die Spirale.
Ich lag da, wollte mich nicht mehr um irgendwen kümmern müssen. Ich hatte keinen Zugang mehr zu meinen Kindern. Sie sahen mich, redeten mit mir und ich konnte nicht antworten. Ich starrte einfach nur noch und brachte kein Wort mehr raus. Ich fühlte mich nur noch leer.
Sobald ich konnte, schlief ich. Tagelang. Ich lag da einfach.
Ich wollte kein Handy, keine Gespräche, kein Leben.
Alles, was außerhalb meines Schlafzimmers existierte, war eine fremde Welt für mich. Da wollte ich nicht hin.
Und zum Glück hat es Klick gemacht.
Denn ich wusste: das ist nicht normal. So wollte ich mich nicht fühlen. Ich wollte nicht, dass meine Kinder mich weiterhin so erleben. Ich wollte für sie etwas ändern.
Wer Hilfe sucht, bekommt sie … nicht
Ich googelte. Informierte mich. Kummerkasten, Nummer gegen Kummer, 11 6 11 7 … Ich hatte alles durch.
Im Kummerkasten Chat wurde mir gesagt: holen Sie sich Unterstützung.
Da musste ich ja schon fast nach mehreren Tagen einmal lachen.
Weinend saß ich vor dem Bildschirm.
Am Telefon sagte man mir, man könne mir auch nicht helfen, solange ich nicht suizidal sei. Und das selbe sagte man mir auch, als ich in die psychiatrische Notambulanz fuhr und dort vier Stunden wartete.
Mir wollte einfach nicht geholfen werden.
Endlich Hoffnung
In der Woche darauf besuchte ich mit einem letzten Hoffnungsschimmer meine neue Hausärztin. Ich schilderte ihr meine Situation und wurde endlich ernst genommen.
Und ich schäme mich nicht, zuzugeben, dass mir nur mit Medikamenten geholfen werden konnte.
Sie holten mich aus dem Loch.
Und das ist in Ordnung.
Denn durch sie konnte ich wieder kennen lernen, wie sich der Normalzustand anfühlt. Durch sie konnte ich mich wieder sehen, wie ich mal war, bevor zwei Schwangerschaften und Wochenbetten mich zerbrachen.
Wochenbett wird in unserer Gesellschaft nicht ernst genug genommen. Aber die Wochenbettdepression? Holy frickin airball… darüber spricht keiner.
Alles, was ich dir empfehlen kann, ist, dir TROTZDEM Hilfe zu suchen. Bei deinen Ärzten, bei deiner Hebamme. Verlass dich nicht unbedingt auf Menschen, die darauf spezialisiert zu sein scheinen. Vertraue dich Menschen an, auch wenn du denkst, gerade diese können dir nicht helfen.
Jedes Öffnen von Gefühlen ist das Öffnen von Heilung. ❤️🩹






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